VBG ermittelt Bedarfe von blinden Nutzern

, von Simone Lerche (Kommentare: 0)

Wie nutzen Menschen mit Behinderungen unsere Webangebote und Apps? Wie gut kommen sie damit zurecht? Und was könnte aus ihrer Sicht verbessert werden? Um sich diesen Fragen zu nähern, haben Usability-Experten der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) zwei blinde Nutzer interviewt und sich zeigen lassen, wie sie mit Screenreader, Sprachausgabe und Braillezeile arbeiten. Der Austausch hatte das Ziel, auszuloten, welche Usability-Methoden sich für zukünftige Tests mit blinden Menschen eigenen. Außerdem wurden erste Testsituationen im Usability-Labor der VBG erprobt. Das Vorhaben der VBG wird vom Projekt 'Team Usability' begleitet und dokumentiert.

Vier Personen sitzen um einen Konferenztisch
Nachgefragt bei Patrick Dembinski (links) und Emanuel Helms (Zweiter von links): Wie gut eignen sich klassische Usability-Methoden für blinde Nutzer?

"Es ist uns wichtig, die Bedarfe und die Arbeitsweise von Menschen mit Behinderungen kennenzulernen," sagt Ediz Kiratli, Usability-Referent der VBG, und erläutert weiter: "Wir wollen bei unseren Usability-Tests zukünftig auch Menschen mit Behinderungen einbinden". Aus seiner langjährigen Berufserfahrung kennt der Usability-Experte die UX-Methoden aus dem Effeff, hat sie aber bisher noch nicht mit Menschen mit Behinderungen angewendet. Die vielen Fragen, die sich für ihn ergaben, konnte er Ende November 2019 mit seinen beiden blinden Gästen im Usability-Labor am VBG-Standort Barmbek diskutieren. Eine gute Vorbereitung für die nächsten Schritte, denn für die Usability-Experten gab es einige Aha-Effekte, beispielsweise:

  • Eine reine Beobachtung ist mit blinden Testpersonen schwierig: Sie lassen sich Webinhalte über Braillezeile oder/und Kopfhörer ausgeben. Dadurch ist es für den beobachtenden Testleiter eine Herausforderung zu erfassen, was seine Testperson hört bzw. tut. Eine Möglichkeit wäre, den Braille- bzw. Sprachbetrachter des Screenreaders einzuschalten und das Tempo der Sprachausgabe zu reduzieren. Geübte Screenreader-Nutzer arbeiten nämlich in einem für ungeschulte Ohren unverständlich hohen Tempo.
  • Vor-Ort-Tests mit der Thinking-Aloud-Methode sind eine gute Möglichkeit, um zu testen. Wichtig ist aber, dass man sich etwas mehr Zeit nimmt, denn ein blinder Nutzer kann nicht sprechen und gleichzeitig konzentriert der synthetischen Stimme seiner Sprachausgabe zuhören. Empfehlenswert wären beispielsweise viele kurze Stopps in denen der Screenreader-Nutzer seine Erfahrungen zusammenfasst.
  • Online-Befragungen können problematisch sein, wenn sie nicht barrierefrei nutzbar sind. Ein blinder Nutzer berichtet beispielsweise von einer Umfrage, an der er teilnahm, diese aber nicht absenden konnte, weil der Senden-Button nicht tastaturbedienbar war - eine frustrierende Sache. Es sollte also unbedingt vorab geprüft werden, ob die Online-Befragung zugänglich ist.

In einer weiteren Sitzung wurden verschiedene Testszenarien erprobt: Die beiden blinden Nutzer hatten ihre Laptops mit ihrer individuellen Hilfsmittelausstattung dabei. Einer der beiden arbeitet ausschließlich mit dem Screenreader NVDA, der andere nutzt neben seinem Screenreader JAWS eine portable Braillezeile. Nachdem die Technik eingerichtet war, wurden in den aktuellen Webangeboten der VBG und anderer Berufsgenossenschaften kurze Aufgaben durchgeführt. Zum Einsatz kam die Thinking-Aloud-Methode. Es zeigte sich, dass dies eine geeignete Möglichkeit ist, um vor Ort zu testen.

Die beiden UX-Experten der VBG planen, noch weitere Zielgruppen mit Behinderungen zu interviewen, um ihre Bedarfe kennenzulernen, etwa Menschen mit kognitiven oder motorischen Einschränkungen.

Die Erkenntnisse der VBG werden von ‚Team Usability‘ aufgenommen und analysiert. Sie fließen in die Entwicklung der Methoden ein, die im Laufe des Projekts auf praxis-tests.de veröffentlicht werden.

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