Fallstudie: Nutzertests für das „Inklusive LWL-Internet“

Hintergrund

Mit dem Projekt Inklusives LWL-Internet hat sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zum Ziel gesetzt, ein neues Internetangebot zu entwickeln, das inklusives Design, attraktive Optik und zeitgemäße Funktionalität miteinander verbindet. Über mehrere Jahre hat die LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit dann im Projekt ‚Inklusives LWL-Internet‘ eine Lösung erarbeitet, die es allen Menschen ermöglichen möchte, Internetauftritte zu nutzen und zu verstehen.

Grundlage für die Zugänglichkeit des neuen Angebots bildeten die Gesetze und Standards zur Umsetzung barrierefreier Webangebote, etwa das Behindertengleichstellungsgesetz Nordrhein-Westfalen (BGG NRW), die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung Nordrhein-Westfalen (BITVNRW) sowie die internationalen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). Doch an vielen Stellen sollten die neuen Internetauftritte auch deutlich über diese Anforderungen hinausgehen: Erkenntnisse hierzu  bekam das LWL-Projektteam über Gespräche und Workshops mit Menschen mit Behinderungen, Experteneinschätzungen und verschiedene Nutzertests.

Aus dem Projekt ‚Inklusives LWL-Internet‘ entstand der LWL-Modul-Baukasten, der die technische Basis bereitstellt für die dezentrale Umsetzung der rund 170 Internetauftritte des Verbands. Die Umstellung unterstützt das Handbuch Schritte zur Vorbereitung auf das Inklusive LWL-Internet – Ein Wegweiser (barrierefreies PDF, 2,77 MB) und das Team der LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Viele Informationen finden sich auch auf der Website www.inklusives-internet.lwl.org.

Usability-Tests mit Menschen mit Behinderungen

Um nutzerfreundliche, inklusive Lösungen zu finden, fanden bereits in der Konzeptionsphase regelmäßig Usability-Tests mit Menschen mit Behinderungen statt. Sie wurden als Präsenz-Tests durchgeführt: Dabei wurde die Testperson von einem Testleiter durch den Usability-Test geführt. Die Tests fanden teils in Räumen des LWL statt, teils in den Räumen von Kooperationspartnern wie Werkstätten für Menschen mit Behinderung.

Neben Hinweisen zu Usability-Anforderungen wurden dabei auch Accessibility-Aspekte sichtbar. Die Ergebnisse wurden fortlaufend analysiert und in das Projekt eingebracht. Zu einem späteren Zeitpunkt – nach der Programmierung des neuen Angebots – wurde es außerdem von einem Accessibility-Experten auf umfassende Konformität mit den genannten Barrierefreiheits-Standards evaluiert.

Testleitung

Da das LWL-Projektteam in Deutschland keinen Dienstleister fand, der auf ‚Usability Testing mit Menschen mit Behinderungen‘ spezialisiert ist, wurde entschieden, die Nutzertests selbst zu konzipieren und durchzuführen. Um sich vorzubereiten, hat sich das Team in klassischem Usability Testing weitergebildet und zu verschiedenen Test-Designs recherchiert.

Testgegenstand

Die neuen LWL-Internetauftritte wurden anhand von zwei Pilotauftritten erarbeitet, die im Verlauf des Projektes fortlaufend optimiert wurden. Die meisten Usability-Tests, insbesondere die mit Screenreader-Nutzern, wurden mit HTML-Prototypen dieser Pilotauftritte durchgeführt.

Testpersonen

In der Planungsphase hat das LWL-Projektteam festgelegt, welche Teilnehmenden angesprochen werden sollten. Zur Vorbereitung gehörte unter anderem auch die Ermittlung eines eventuellen Assistenzbedarfs (etwa Gebärdensprachdolmetscher), die Möglichkeiten einer Vergütung bzw. Aufwandsentschädigung für die Testteilnahme zu prüfen (auch bei Teilnehmenden mit Werkstattstatus) sowie zu klären ob ein Einverständnis, z.B. über einen gesetzlichen Betreuer, eingeholt werden muss und in welchen Räumen man mit den jeweiligen Testpersonen testet (technische Ausstattung vorhanden, ruhig, gut erreichbar für die Testpersonen).

Aufgabengestaltung

Für die Präsenztests wurde ein Testleitfaden entwickelt, der genau festlegte, wie das Gespräch abläuft und welche Aufgaben gestellt werden. Zudem wurde eine Einverständniserklärung zur Nutzung von Videos bzw. Fotos sowie eine Einverständniserklärung gemäß der geltenden Datenschutzbestimmungen vorbereitet.

Es wurden verschiedene kurze Testaufgaben gestaltet. Für den Test der Website des LWL-Freilichtmuseums Hagen z.B. wurden Aufgaben erarbeitet, wie

  • „Bitte informieren Sie sich über die Eintrittspreise.“,
  • „Versuchen Sie herauszufinden, ob das Museum Tastführungen anbietet.“ oder
  • „Rufen Sie Informationen zur Anfahrt zum Museum in Leichter Sprache auf.“

Eine Nachbefragung bildete den Abschluss der Tests und diente einer zusammenfassenden Bewertung der Site durch die Testperson. Hier interessierten Fragen wie: Was kann noch verbessert werden? Was fanden Sie gut? Was fanden Sie nicht gut? Wie finden Sie die Vorlesefunktion? usw.

Testdurchführung

Für die Testdurchführung war ein Raum mit einem Desktop-Rechner mit Internetverbindung und den eventuell notwendigen assistiven Technologien (z.B. dem Screenreader JAWS) vorbereitet. Beim LWL war das gut umsetzbar, da es hier speziell ausgestattete Räume gibt. Der Rechner war ausgestattet mit Software zur Tonaufnahme und zur Bildschirmaufnahme.

In den Präsenz-Tests wird die Testperson vom Testleiter aufgefordert, laut zu formulieren, was sie macht und denkt (sogenannte „Thinking-Aloud-Methode“). Die Dauer der Tests richtete sich nach der Zeit, die die Testpersonen benötigten, um die Aufgaben zu erfüllen.

Collage aus 4 Aufnahmen von Testsituationen mit Nutzern mit Behinderungen
Für das 'Inklusive LWL-Internet' wurde auch mit Nutzer*innen mit verschiedenen Behinderungen getestet. Quelle: LWL

Dokumentation

Die Tests wurden über eine Tonaufnahme, eine Bildschirmaufnahme und/oder eine externe Aufnahme per Videokamera dokumentiert. Alle Testpersonen waren mit dieser Art der Dokumentation einverstanden. Der Testleiter hat sich zudem kurze schriftliche Notizen gemacht.

Bei den Screenreader-Nutzern wurden Screencasts mit eingeschaltetem Braille-Betrachter und eingeschaltetem Sprachbetrachter durchgeführt. So wurde, was auf der Braillezeile ausgegeben wird bzw. was die synthetische Stimme sagte, in Dialogfenstern visualisiert. Das machte die Auswertung einfacher.

Auswertung

Die Mitschnitte (Audio, Video, Bildschirmaufnahme) wurden im Anschluss an die Tests angesehen und analysiert. Die Einzelergebnisse wurden in einem Dokument zusammengefasst und verglichen. Schwierigkeiten, die in mehreren Tests zutage traten, wurden in die Projektentwicklung eingebracht. Zeitweise gab es aber auch wiederstreitende Bedarfe zwischen den Behinderungsgruppen, z.B. präferierten viele Testpersonen die Ansicht mit viel Platz und wenig Text; sehbehinderte Menschen hingegen, die Bildschirminhalte stark zoomen,  präferieren Inhalte auf engerem Raum. Hier musste abgewogen und ein Kompromiss gefunden werden. Das Projektteam zog in Zweifelsfällen auch noch externe Experten hinzu, um Lösungen zu finden, die für alle Zielgruppen möglichst praxistauglich sind.

Teilweise schwierig war auch die Abgrenzung von gefundenen (oder nicht gefundenen) Barrieren: Lag die Schwierigkeit (oder Kompetenz) wirklich an der schlechten (oder guten) Usability? Inwieweit wurden die Ergebnisse durch die jeweils eingesetzte assistive Technologie oder durch besondere Nutzerkenntnisse bzw. Nutzungswege beeinflusst? Diese Fragen blieben offen und könnten Thema weiterer Forschung sein.