Fallstudie: User Experience bei Funka Stockholm

Im Rahmen des abschließenden COMPARE-Projekttreffens im Dezember 2018 konnten wir uns mit Mitarbeitern des User-Experience-Teams von Funka zu ihren Ansätzen für Nutzertests mit Menschen mit Behinderungen austauschen.

Bei Funka werden Usability-Tests in der Regel sowohl mit Menschen mit als auch ohne Behinderungen durchgeführt. Die Tests können bereits zu einem frühen Zeitpunkt stattfinden, etwa in der Entwurfsphase mit Wireframe- oder Papier-Prototypen. Navigationsoptionen können auf Post-its gelegt werden, um das Umsortieren zu ermöglichen und eine angemessene, verständliche Hierarchie und Bezeichnungen zu erhalten. Auch fertige Websites und Apps werden mit Nutzern getestet und in Fokusgruppen ausgewertet. Für Online-Tests wird unter anderem die Software Optimal Workshop verwendet.

Rekrutierung von Testpersonen

Funka hat eine Mitarbeiterin, die dafür verantwortlich ist, den Pool von Testpersonen zu organisieren und Nutzer für Tests zu gewinnen. Um Nutzer zu erreichen profitiert Funka – wie DIAS – von den guten Kontakten zu Selbsthilfe- und Patientenorganisationen.

Eine typische Gruppe von Testpersonen für Usability-Tests umfasst Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten (Dyslexie), Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Nicht-Muttersprachler, ältere Nutzer, sehbehinderte Menschen und Personen ohne Behinderungen.

Die Zugänglichkeit einer Anwendung für blinde Menschen wird häufig von internen Screenreader-Experten überprüft. Das bedeutet, dass die Anforderungen nicht-visueller Nutzer meist unabhängig von Usability-Tests durch Expertentests berücksichtigt werden.

Abhängig von den Wünschen des Kunden und der jeweiligen Zielgruppe der zu prüfenden Anwendung nehmen in der Regel zwischen 5 und 12 Testpersonen an UX-Tests teil. Die Testergruppe besteht häufig aus einer Mischung aus neuen und bekannten Testpersonen. Bei Online-Tests und Fragebogen-basierten Tests kann diese Zahl erheblich höher sein (bis zu 100 Personen).

Aufgabengestaltung

Die Aufgabengestaltung hängt weitgehend von dem zu testenden Produkt, den Zielgruppenerwägungen und den speziellen Fragen des Kunden ab. Teilweise ergeben sich auch aus bereits durchgeführten Expertentests interessante Fragestellungen. Angemerkt wird, dass Usability-Tests häufig nicht so früh im Entwurfsprozess durchgeführt werden, wie es zu empfehlen wäre. Bevor der eigentliche Test beginnt, werden die Aufgaben häufig in kurzen Pilottests mit Kolleginnen überprüft.

Verwendung von UX-Software

In einigen Fällen wird die Software Optimal Workshop verwendet. Diese Software bietet eine Reihe von Tools für Usability-Tests, die auch als Testversionen erprobt werden können, z. B. Chalkmark fürs „First-Click Testing“ oder Treejack, um Pfadanalysen durchzuführen, die aufdecken können, dass der beabsichtigte Pfad möglicherweise nicht gewählt wird oder dass Menschen aufgrund von Missverständnissen am falschen Ort landen. Dies kann zu Verbesserungen der Beschriftung, der Positionierung und der zugrundeliegenden Struktur führen.

Mit Eye-Tracking können Sie herausfinden, welche Schaltflächen und Bereiche nicht gefunden werden, und die Fokuspunkte auf der Seite anzeigen. Dies ist insbesondere für Seiten hilfreich, die viele Informationen enthalten. Eye-Tracking-Tests sind für Nutzer mit Sehschwäche, die Probleme mit der Fokussierung haben, z. B für sehbehinderte Menschen mit Nystagmus, nicht zu empfehlen.

Testausführung

Normalerweise sind neben der Testperson zwei Personen beteiligt: ein Testleiter und ein Assistent, der die Testergebnisse dokumentiert. In dem Raum, in dem der Test stattfindet, befinden sich nur die Testperson, der Testleiter und der Dokumentationsassistent. Entwickler oder Projektmanager des zu testenden Angebots sind nicht im Raum. In seltenen Fällen beobachten sie den Testverlauf – wenn dies mit der Testperson vereinbart wurde – per Videostream in einem Nebenraum. Dass der Usability-Test von einem neutralen Testleiter durchgeführt wird ist wichtig, um die Testperson zu beruhigen und zu vermitteln: Nicht du wirst getestet, sondern ein fremdes Projekt und wenn wir Probleme finden, ist das nicht negativ, sondern produktiv für die Verfeinerung des Designs.

Ein Usability-Test dauert normalerweise etwa eine Stunde. Es wird eine Aufwandsentschädigung bezahlt. In der Einweisung werden vorbereitend auch einige Fakten zur Testperson abgefragt, etwa zur typischerweise genutzten Technik (PC, Mac, mobile Geräte, Hilfsmittel), zum Alter, zur Art der Behinderung und – sofern vorhanden – zu Fertigkeiten und Kompetenzen, die sich auf die Ergebnisse auswirken können. Die Einweisung enthält außerdem Informationen zum Datenschutz (wie werden die Daten verwendet) und eine Einführung in die verwendete Methode, z. B. die „Thinking-Aloud-Methode“. An den eigentlichen Usability-Test, kann eine Fragebogen-Abfrage oder ein Interview anschließen, in dem die Testperson ihre persönlichen Beobachtungen einbringen können.

Dokumentation

Die Tests werden vollständig auf Video aufgenommen. Es hat sich gezeigt, dass es hilfreich ist, dass ein Timer mitläuft und die Assistenz notiert, zu welcher Zeit Ereignisse auftreten, die einer genaueren Untersuchung bedürfen. Gleichzeitig dokumentiert die Assistenz die Ereignisse schriftlich.

Auswertung

Das aufgezeichnete Video und die Mitschrift werden ausgewertet. Um die Ergebnisse dann mit den anderen Tests der Reihe zu vergleichen, wird z. B. ein Excel-Arbeitsblatt verwendet, in dem die Probleme über alle Testpersonen hinweg aufgezeichnet werden. Dadurch wird deutlicher, welche Funktionen oder Teile der Website ähnliche Probleme verursacht haben.

Die Ergebnisse werden in einem Testbericht zusammengefasst. Häufig werden Empfehlungen gegeben, wie Lösungen aussehen könnten. Die Berichtsvorlage hat eine feste Struktur mit bestimmten Kategorien. Der Schwerpunkt liegt nicht auf der Bewertung der Konformität mit den WCAG-Erfolgskriterien (diese werden für Konformitätstests von Experten verwendet), sondern beinhaltet spezielle Usability-Kriterien für Menschen mit Behinderungen. Falls die Testperson einverstanden ist, werden dem Kunden in einem Meeting die Testergebnisse und kurze Videoclips präsentiert, die auf wichtige Probleme hinweisen. Dies ist vorteilhaft, da die Kunden häufig einen Eindruck der tatsächlichen Usability-Probleme erhalten und einen stärkeren Anreiz zur Verbesserung bekommen.