Menschen mit Behinderungen prüfen die Nutzerfreundlichkeit des zukünftigen LVR-Beratungskompasses

Letzte Änderung: 05/2021

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) erfüllt Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, der Psychiatrie und der Kultur. Er bietet eine große Vielfalt an Unterstützungs- und Beratungsangeboten. Um Bürger:innen in der Fülle von Informationen bei ihrer Suche nach passenden Ansprechpartner:innen zu unterstützen, bietet der LVR ab Sommer 2021 ein neues Webportal an: den LVR-Beratungskompass.

Screenshot des LVR-Beratungskompass, im Mittelpunkt ein blau hinterlegtes Suchfeld
Der LVR-Beratungskompass bietet verschiedene Suchmöglichkeiten an: Im Zentrum stehen eine geführte Suche und eine Suche nach Schlagwörtern.

Der LVR entwickelte die neue Webseite konsequent nutzerorientiert. „Während die aktuelle LVR-Webseite von innen gedacht ist, wurde bei der Konzeption des LVR-Beratungskompasses die Perspektive von rat- und hilfesuchenden Bürgerinnen und Bürgern eingenommen“, erläutert die verantwortliche Projektkoordinatorin Dr. Stefanie Schneider.

Testgegenstand

Testgegenstand ist der LVR-Beratungskompass. Da das Webangebot zum Testzeitpunkt noch nicht online war, fand der Test in einer passwortgeschützten, aber weitgehend fertiggestellten, barrierefreien HTML-Version statt. Die Konformität mit den Anforderungen der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung Nordrhein-Westfalen (BITVNRW) war bei der Entwicklung Bedingung und wurde vom IT-Dienstleister bereits entwicklungsbegleitend mithilfe der BIK BITV-Selbstbewertung sichergestellt.

Unser Rat: Die weitgehende Zugänglichkeit bildet die Voraussetzung, um Testpersonen mit assistiver Technologie wie Screenreader, Vergrößerungssoftware oder Sprachsteuerung einbinden zu können.

Testformat

Der LVR-Beratungskompass geht im Sommer 2021 online. Die Nutzertests fanden in der letzten Phase der Entwicklung statt (März 2021). Ziel der Tests war, vor dem Go-Live die Akzeptanz des Angebots mit Nutzenden mit Behinderungen zu prüfen. Nach Analyse der Grundvoraussetzungen (barrierefreie HTML-Version, begrenzte Zeit) empfahl Simone Lerche, Referentin des Projekts „Team Usability“, nicht-moderierte Nutzertests in Eigenregie.

Unser Rat: Soll das Angebot von Hilfsmittelnutzenden in nicht-moderierten Tests untersucht werden, muss es weitgehend barrierefrei sein. Selbständig durchgeführte Tests eigenen sich vor allem, wenn eine schnelle Rückmeldung wichtig ist.

Testgruppe

Der LVR wünschte sich eine möglichst vielfältige, mittelgroße Gruppe von Menschen mit Behinderungen, die assistive Technologien nutzen. Wir haben aus unserem Pool von Testpersonen mit Behinderungen 17 Personen angefragt und neun Zusagen bekommen:

  • 4 blinde Nutzer:innen (Screenreader JAWS und NVDA),
  • 3 Nutzer:innen mit Sehbehinderung (mit/ohne Vergrößerungssoftware, ZoomText und SuperNova) sowie
  • 2 Nutzer:innen mit körperlicher Einschränkung (Sprachsteuerung, spezielle Eingabegeräte)

Unser Rat: Wer regelmäßig und kurzfristig Nutzertests auf die Beine stellen möchte, braucht einen Pool von Testpersonen, die er anfragen darf. Denken Sie auch daran, dass die Testpersonen eine Aufwandsentschädigung bekommen.

Aufgaben und Testdurchführung

Die Aufgaben für die Nutzertests entwickelte die Expertin von „Team Usability“ in Absprache mit der Agentur des LVR. Fragestellungen der Bürger:innen im Rheinland sollten untersucht werden, etwa

  • Gibt es für mein Kind einen inklusiven Kindergartenplatz in der Nähe?
  • Wird mein gewünschtes Hilfsmittel vom LVR finanziell gefördert?
  • Ich habe Angst vor einer Kündigung. Wer kann mich beraten?

Die Testdurchführung sollte maximal 90 Minuten dauern. Da die Nutzenden die Tests in Eigenregie, also ohne eine moderierende Testleitung, durchführen sollten, standen alle wichtigen Informationen schriftlich zur Verfügung. Das Dokument enthielt:

  • Einen Einführungsteil mit Hinweisen zur Testdurchführung,
  • eine Vorbefragung zur technischen Ausstattung, der digitalen Affinität und dem Alter,
  • 3 Aufgaben, die mit Hilfe des LVR-Beratungskompasses durchgeführt werden sollten, und
  • eine Nachbefragung.

Die Testpersonen führten die Tests mit ihrem bevorzugten Gerät (PC, Mobiltelefon, Tablet oder Laptop) durch. Erfahrungen und Hinweise dokumentierten sie selbstständig und schrittweise während des Testens. Am Ende übermittelten sie ihre Ergebnisse per E-Mail.

Unser Rat: Das Dokument, mit dem die Testpersonen arbeiten, muss in einem zugänglichen Format zur Verfügung gestellt werden, bei uns war es ein Word-Dokument. Je nach eingebundener Nutzergruppe darf ein Test nicht zu lange dauern – schließlich führt die spezielle Nutzungsweise selbst oft schon zu einem Mehr an Zeitbedarf bei der Nutzung eines Webauftritts.

Dokumentation und Auswertung

Alle Testpersonen übermittelten innerhalb der zweiwöchigen Testphase ihr ausführliches Feedback an die Team-Usability-Testleitung Simone Lerche. Sie leitete die Dokumente dann in anonymisierter Form an den LVR weiter. Auf dieser Basis konnten Stefanie Schneider vom LVR und der Konzepter der eingebundenen Agentur Lösungsansätze entwickeln und To-Dos ableiten. Im zweiten Schritt gab es Gespräche mit dem Team der Umsetzenden: Gemeinsam wurde geschaut, wie in der bestehenden Anwendung nachjustiert werden kann.

Der Test legte verschiedene Usability-Probleme offen: Einige betrafen alle Nutzenden, etwa dass Suchfunktionen noch ausbaufähig oder dass Ansprechpartner:innen schwierig zu finden waren, weil sie nicht direkt beim thematisch passenden Artikel, sondern hinter einem weiteren Themenblock lagen. Andere Usability-Probleme ergaben sich aus der spezifischen Nutzungsweise, etwa dass Bereiche bei Farbumkehr blendeten bzw. eine zu große Zahl von Suchergebnissen für Screenreader-Nutzende mühsam ist, da alle Ergebnisse durchwandert werden müssen.

Unser Rat: Wir empfehlen, nicht mehr als 10 Testpersonen einzubinden, damit die Auswertung der Testergebnisse übersichtlich bleibt.

Fazit

Da der LVR-Beratungskompass barrierefrei entwickelt wurde und ein Accessibility-Test die Zugänglichkeit bestätigte, waren nicht-moderierte Tests mit Hilfsmittelnutzenden möglich. Diese konnten sich so hauptsächlich Fragen der User Experience widmen.

Die Rückmeldung der LVR-Verantwortlichen zum Testprozess war durchweg positiv: Die Testergebnisse waren für die Optimierung der Nutzerfreundlichkeit des LVR-Beratungskompass hilfreich und führten zu Verbesserungen für alle zukünftigen Webseiten-Besucher:innen – ob mit oder ohne Behinderung.

Beeindruckend war auch, dass alle Testpersonen engagiert und ausführlich mitgewirkt und ihre Rückmeldungen im vorgegebenen Zeitrahmen übermittelt haben. Der Test verlief reibungslos und kann Organisationen mit ähnlichen Voraussetzungen uneingeschränkt empfohlen werden.