Nutzerforschung bei der VBG: Interviews mit blinden Nutzern

Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) ist als öffentliche Stelle verpflichtet, ihre Website barrierefrei zu gestalten. Neben den gesetzlichen Anforderungen laut Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) will die VBG die Nutzerbedürfnisse stärker ins Zentrum stellen.

Um mehr über die Anforderungen und die Bedürfnisse von schwerbehinderten Menschen zu erfahren, kommen User-Research-Methoden zum Einsatz. Da die VBG bereits seit 2019 Projektpartner von „Team Usability“ ist, wurde auch diese User-Experience-Aktivität durch das Projekt unterstützt, begleitet und ausgewertet.

Das User-Research-Format: Remote-Interviews

Aufgrund der Kontakteinschränkungen zur Eindämmung von COVID-19 fanden statt der ursprünglich geplanten Workshops vor Ort, geführte Interviews statt.

Die Gespräche mit den blinden Nutzern sollten jeweils rund 60 Minuten dauern und über die Kommunikationsplattform Zoom durchgeführt werden.

Inhaltlich ging es um die individuelle Nutzung digitaler Angebote, um persönliche Bedürfnisse und um gute bzw. schlechte Beispiele von Webangeboten.

Das Rekrutieren von Interviewpartner:innen

In Absprache mit der VBG suchten wir drei blinde Menschen, die zu den typischen Mitgliedern der VBG gehören, also beispielsweise „freiwillig bzw. ehrenamtlich Tätige in Vereinen“ oder „Geschäftsführer“. Was auf den ersten Blick eine Herausforderung zu sein schien, lies sich über den Kontakt zu verschiedenen Blinden- und Sehbehindertenverbänden schnell lösen: Mit drei blinden Personen konnten Interviews geführt werden.

Sicherlich hat auch das Remote-Format, also die Durchführung der Interviews per Web-App oder Telefon, zu der unkomplizierten Probandenrekrutierung beigetragen: Remote-Formate ermöglichen eine ortsunabhängige Rekrutierung, eine möglicherweise aufwändige Anreise bleibt erspart und der Zeitaufwand damit überschaubar.

Die Durchführung der Remote-Interviews

Die Interviews fanden im Juni 2020 statt. Jeder Interviewpartner bekam vorab eine Mail mit den Zugangsinformationen für das Konferenzsystem Zoom (Link und Telefonnummer) sowie den Dokumenten zur Wahrung des Datenschutzes in der VBG.

Bei den drei Probanden klappte die Einwahl in Zoom: Zwei nutzten den Zugang über die Web-App, einer über das Telefon. Zu Beginn des Interviews wurden die Datenschutz-Informationen vorgelesen und die Zustimmung eingeholt.

Danach startete das Interview im typischen Frage-Antwort-Stil. Die Interviews führte Ediz Kiratli. Er wurde unterstützt von einem VBG-Kollegen, der mitnotierte.

Die zeitliche Planung konnte bei allen Interviews eingehalten werden.

Für die Teilnahme am Interview gab es eine Aufwandsentschädigung. Das Dokument für die Rechnungsstellung hatten wir bereits vorbereitet – so mussten die Probanden nur noch ihre Daten einfügen. Perfekt wäre es, wenn die Teilnehmer auch digital unterschreiben könnten – Lösungen hierfür wollen wir im Projekt noch erproben.

Die Evaluation

Im Anschluss an die Interviews wurden die Erkenntnisse zusammengetragen und ausgewertet. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgte vornehmlich quantitativ

Die Ergebnisse der Interviews mit den blinden Personen zeigte, dass sich viele ihrer grundsätzlichen Bedarfe („kompakte Webseite“, „Reduzierung auf wichtige Informationen“, Trennung von Information und Prozessen, z.B. Online-Services über separate App/Webangebot) kaum von anderen Nutzer:innen unterschieden.

Teilweise unterstrichen bzw. verschärften die Erkenntnisse aus den Interviews mit den blinden Personen die Tendenz der restlichen Auswertung. Ein Beispiel ist die Einbindung von PDFs: Die einen bewerten PDFs als ein nicht-zeitgemäßes, möglicherweise bedienunfreundliches Format; die befragten blinden Menschen hingegen bewerten PDFs aufgrund ihrer Erfahrung mit hauptsächlich nicht-barrierefreien Dokumenten als Show-Stopper bzw. Problemfall.

Erkenntnisse aus der Praxis

„Ich habe viel Interessantes erfahren“, resümiert Ediz Kiratli von der VBG. Einige Erkenntnisse hob der UX-Experten besonders hervor:

  • Die Interviews lieferten greifbare Gründe für bestimmte konzeptionelle Entscheidungen, die auf dieser konkreten Basis von Entwicklern und Designern eher mitgetragen werden.
  • Die weitgehende Deckung der Vorlieben der blinden Nutzer mit denen anderer Interviewteilnehmer:innen zeigte, dass von einem nutzerorientierten, inklusiven Design und guter Usability alle profitieren. Nach dem Motto: Inclusive design is better design!
  • Die hohe digitale Affinität der befragten blinden Personen, die neben Desktop- häufig Mobilgeräte und gerne auch Apps nutzen.
  • Bewusstes Abwägen bei der Abschaffung von Kontaktmöglichkeiten: Wenn eine Kontaktmöglichkeit wegen einer Barriere nicht nutzbar ist, sollte es eine Alternative geben.

Zur Planung und Durchführung empfiehlt Simone Lerche von „Team Usability“:

  • Bei der Rekrutierung hilft der Kontakt zu Organisationen der Selbsthilfe. Diese verfügen über gute Netzwerke.
  • Die Zugänglichkeit der genutzten Kommunikationsplattform muss gegeben sein. Gut wäre es, vorab die Login-Wege mit dem Hilfsmittel der Probanden zu testen. Da die Anbieter, etwa Zoom, ihre Dienste stetig weiterentwickeln (und dabei oft die Barrierefreiheit des Angebots verändern), sollte der Test ohne zu langen Vorlauf erfolgen. Alternativen, etwa eine Telefonnummer, sind für den Notfall hilfreich.
  • Alle Dokumente, z. B. solche zum Datenschutz, müssen barrierefrei sein. Insbesondere bei PDF-Dokumenten ist das keine Selbstverständlichkeit. Einfache Text-Dokumente, können selbst erstellt werden (mit eventuell nicht perfektem, aber brauchbarem Ergebnis). Leitfäden zur Erstellung barrierefreier PDF gibt es z. B. von der Justus-Liebig-Universität Gießen: Barrierearme Dokumente. Komplexere Dokumente sollten von Profis optimiert werden (z.B. Wertewerk, UA4all). Wer einen ersten Eindruck haben möchte, ob sein PDF Barrieren enthält kann es mithilfe des kostenlosen Tools PDF Accessibility Checker prüfen: Hier durchläuft es auf Knopfdruck alle maschinenprüfbaren Barrierefreiheits-Kriterien.
  • Es ist zu empfehlen, relevante Dokumente vorab an die Gesprächspartner zu verschicken, damit sie die Gelegenheit haben, diese in Ruhe durchzulesen.