Der Praxis-Test

Im Praxis-Test prüfen Menschen mit Behinderungen Angebote auf der Basis von Standard-Anforderungen, aber in ihrer spezifischen Nutzungsweise. Andere im Team ergänzen Aspekte, die Prüfer behinderungsbedingt nicht prüfen können.

Was ist der Praxis-Test?

Anders als der Usability-Test ist der Praxis-Test nicht auf die Durchführung bestimmter Aufgaben ausgerichtet. Stattdessen bewerten Menschen mit Behinderungen, die sich gut mit ihrem Hilfsmittel auskennen, das gesamte Angebot auf Barrierefreiheit und bringen dabei ihre spezifische Hilfsmittelexpertise in den Test ein. Es ist klar, dass sich Angebote auf diese Weise nicht vollständig auf ihre Konformität mit Standards wie den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) oder der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) testen lassen. So kann es zum Beispiel sein, dass blinde Nutzer Elemente übersehen, die nicht mit der Tastatur fokussiert werden können. Die Teamidee bedeutet, dass andere Tester hier ergänzend tätig werden. Wie eine solche Zusammenarbeit am besten organisiert werden kann, ist eine der Fragestellungen bei der Entwicklung der Methodik für den Praxis-Test.

Natürlich werden Praxis-Tests auch Usability-Probleme aufzeigen, die Menschen mit Behinderungen oft stark beeinträchtigen können. Angebote können am Standard gemessen barrierefrei, aber dennoch schlecht nutzbar sein. Die Analyse dieser Probleme soll zeigen, welche Aspekte sich eventuell für neue, prüfbare Standardanforderungen eignen und welche eher in Empfehlungen münden sollten, zum Beispiel weil sich nur schwer klare Prüfbedingungen festlegen lassen. Die Mitarbeit in der Accessibility Guidelines Working Group des W3C erlaubt es uns, diese Erfahrungen in die Weiterentwicklung des Standards WCAG einzubringen.

Fallbeispiele: Wie machen es andere?

Im Projekt schauen wir uns zunächst Praxisbeispiele an: Wie testen Organisationen schon heute die Zugänglichkeit und Usability von Angeboten mit Menschen mit Behinderungen? Wie sind die Abläufe? Und wie aussagekräftig sind die Ergebnisse? Wie werden sie ergänzt oder validiert? Orientieren sich Abläufe an bestimmten Standards wie den WCAG oder gibt es andere Kriterien- oder Checklisten? Die Fallbeispiele werden wir mit Blick auf unsere Methodik auswerten und möglichst dokumentieren.

Praktische Erprobung

Anhand von Beispiel-Tests probieren wir Testabläufe praktisch aus und überlegen dann, was gut funktioniert und was zu verbessern ist. Auf der Basis dieser Erfahrungen werden wir Abläufe verändern und erneut erproben.

Wir haben eine Reihe von Fragen, die wir in der Methodenentwicklung klären wollen. Hier sind einige davon — andere werden sicher im Prozess hinzukommen:

  • Welche Vorgaben und welche Vorbereitungen für einen Test sind sinnvoll?
  • Was sind geeignete Formate, um Testabläufe und -ergebnisse zu dokumentieren: Online-Werkzeuge, Tabellen, Screencasts oder Video-Mitschnitte?
  • Welche Arbeitsweisen eignen sich für das Testen im Team: Was spricht für einen direkten Austausch zwischen den Testern, was für eine von anderen Testern unabhängige Sichtung der Prüfergebnisse? Welche Rückmeldungen unterstützen die Arbeit der Tester, welche könnten sie eher hemmen?
  • Wie valide oder aussagekräftig sind - verglichen mit einem Expertentest - die Testergebnisse und wie lässt sich die Validität verbessern?

Literaturrecherche

Wichtige Bezugspunkte sind Publikationen über verschiedene Verfahren zur klassischen Prüfung der Usability, die wir für unser Vorhaben auswerten. Darüber hinaus gibt es in begrenztem Maße Literatur zu Usability- und Barrierefreiheits-Tests mit und durch Menschen mit Behinderungen, etwa How to Conduct Usability Studies for Accessibility der Nielsen Norman Group. Auch diese Quellen werden wir auswerten.